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11.11.2016

«Im Anstieg zum Flüelapass hätte ich fast aufgegeben»

Pius Stucki ist dreifacher Familienvater, führt zwei Unternehmen und ist Gesamtsieger der Tour de Suisse Challenge. Der ehemalige Spitzenläufer über die Mitteldistanz fährt erst seit drei Jahren ambitioniert Rennrad und holt gekonnt das Optimum aus der ihm zur Verfügung stehenden Trainingszeit heraus.

«Entweder ich trainiere morgens um 5:30 Uhr oder über den Mittag», erklärt Pius Stucki. Die Trainingseinheiten seien kurz, dafür heftig. Harte Intervalle ist er sich vom Laufen her gewöhnt. Das hilft am Berg. Denn mit seinen 80 kg, verteilt auf 183 cm, gehört er nicht zu den Bergflöhen. Fakt ist: Körperlich kann der 40-Jährige auf beneidenswerte Leistungswerte zurückgreifen. «Ich drücke am Berg 30 Minuten lang 420 Watt, und das trotz meines Gewichts», betont Pius Stucki nicht ohne Stolz. Zudem mache es ihm nicht viel aus, wenn er sich «in der Säure» befinde. Nicht überraschend verfügt er über einen ausgezeichneten VO2Max-Wert. Das geborene Rennpferd also. Zeitintensive, lange Distanzen hingegen trainiert er der Familie zuliebe eher selten.

TdS Challenge war Ziel der ersten Saisonhälfte

Nachdem Pius Stucki bei der Erstausgabe der TdS Challenge im Jahr 2015 nur zwei von vier Etappen absolviert hatte (Sölden und Bern), packte ihn in diesem Jahr der Ehrgeiz auf die Gesamtwertung zu fahren. «Alles ist perfekt organisiert», schwärmt er, «die Streckensicherung einmalig. Du fühlst Dich wie ein echter Profi. Sowas gibt es an keinem anderen Rennen.» Nach dem Prologzeitfahren «Cornèrcard Cancellara Challenge» am Samstag, 11.6., bot ihm in Baar das schnelle, hügelige und verhältnismässig kurze «Morgarten-Memorial» die ideale Strecke. «Ich griff früh an», erinnert er sich, «mein Kollege schirmte mich gegen hinten ab.» Das Rennen verlief genau nach seinem Geschmack.

Erholung bei der Arbeit

Tags darauf, am Montagmorgen, legte Pius Stucki aber nicht etwa die Beine hoch, sondern fuhr ganz normal zur Arbeit. Er führt mit Partnern zwei Unternehmen aus der Finanzbranche und ist für 80 Mitarbeitende verantwortlich. Am Freitagmorgen zur dritten Etappe im Ötztal angekommen, stellte er über die Webcam des Rettenbachgletschers fest: «Im Ziel lag Schnee.» Nichtsdestotrotz stand er später am Start der 51 km langen «Ötztal Challenge». Dieser Aufstieg zum Gletscher sei immer etwas Spezielles. «Weil die Strasse verhältnismässig breit ist, sieht sie optisch nicht so steil aus», erklärt er. «Aber jedes Mal, wenn ich auf meine Gänge runtergeschaut habe, war ich immer noch im kleinsten Gang.» In 51 Minuten war Pius Stucki oben. Schnee hatte es bei seiner Ankunft keinen mehr.

«Ich bin ein Strava-Junkie»

Natürlich vergleicht Pius Stucki seine Leistung an der TdS Challenge gerne mal mit den Profis, die grösstenteils die identische Strecke bewältigen. «Ich bin ein Strava-Junkie», gibt er unumwunden zu und lacht, «die KOMs* sind immer dann weg, wenn die Tour de Suisse irgendwo durchgefahren ist.» Vergleichen kann sich Pius Stucki etwa mit Warren Barguil (Giant-Alpecin), der auf der Königsetappe in Sölden dank seinem dritten Rang hinter Tejay van Garderen (BMC) und Miguel Angel Lopez (Astana) vorübergehend das Leadertrikot übernehmen durfte. Barguil lud im Anschluss seine Strava-Daten hoch. Der leichte Franzose hatte für den Anstieg zum Rettenbachgletscher 42 Minuten benötigt.

Zwischenzeitlich Leaderposition verloren

Die abschliessende Challenge-Etappe, den «Cornèrcard Alpine Circle» über den Albula- und Flüelapass, bezeichnet Pius Stucki noch heute als das Extremste, was er jemals gemacht habe. «Ich zog einen ganz schlechten Tag ein», erinnert er sich. Schon am Albula sei es ihm äusserst schwer gefallen mit den Konkurrenten mitzuhalten. Dazu kamen die schwierigen Wetterbedingungen um null Grad, der Regen und teilweise Schnee. «Ich spürte schon bald meine Finger und Zehen nicht mehr.» Zitternd vor Nässe und Kälte ging es in den zweiten, nicht weniger happigen Anstieg am Flüelapass. Pius Stucki musste abreissen lassen. «Ich litt extrem und überlegte mir allen Ernstes vom Rad zu steigen und aufzugeben.» Mit rund 3-4 Minuten Vorsprung war Stucki in die letzte Etappe gestartet. Am Flüelapass aber wurde ihm bewusst, dass er nicht mehr Leader war. Auf der Passhöhe mobilisierte er seine letzten Energien und biss auf die Zähne. Mit einer waghalsigen Abfahrt holte er auf. «Die Strava-Daten zeigen, dass ich die Abfahrt 1 ½ Minuten schneller meisterte als die Konkurrenten.» Es reichte schliesslich doch noch für den Gesamtsieg. «Gerade weil ich den Sieg bereits verloren sah, bedeutet er mir sehr viel.» Gut möglich, dass sich Pius Stucki die Titelverteidigung zum Ziel setzt.

Als aktuelles Wintertraining kombiniert Stucki neuerdings Velofahren mit Laufen. Seine Winterliebe gilt den Radquer-Rennen für Jedermann. «Technisch gibt es da noch etliches Entwicklungspotenzial», lacht er, «das Aufspringen sieht bei den Profis immer so federleicht aus.» Er aber habe kürzlich bei einem missratenen Aufspring-Manöver einen Sattel kaputt gemacht. Technische Limiten hin oder her, Pius Stucki gewann die Jedermann-Kategorie beim Radquer in Mettmenstetten Anfang Oktober. Durch und durch das geborene Rennpferd.

*KOM = King of the Mountain, Bergpreis-Ranking auf Strava

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