Das Ärzte-Duo Roland Kretsch und Thorsten Hammer arbeitet bei der Tour de Suisse zwar im Hintergrund, dennoch kommt ihnen eine bedeutende Rolle zu. ''Im Fokus stehen wir nur, wenn es richtig knallt'', sagen sie.
Fünfjähriges Jubiläum
Vom Bizepsriss über den Schnupfen bis zur Nieren-Gallen-Kolik oder Zahnschmerzen ? bei gesundheitlichen Problemen während der Tour de Suisse steht den 160 Fahrern und der gesamten Belegschaft ein routiniertes Ärzteteam zur Verfügung. Roland Kretsch, Allgemeinmediziner aus Bochum, und Thorsten Hammer, Unfallchirurg an der Uniklinik in Freiburg, begleiten die neuntägige Schweizer Rundfahrt bereits zum fünften Mal.
Beide blicken auf viele Jahre medizinischer Erfahrung im Profiradsport zurück. Kretsch war zehn Jahre lang als Rennarzt bei der Deutschland-Rundfahrt dabei und betreute Mannschaften wie Coast, Bianchi und Gerolsteiner. Hammer begleitete ebenfalls die Deutschlandtour als weiterer Rennarzt. ''Die medizinische Grundkenntnis ist die Basisvoraussetzung, aber die Expertise im Radsport hilft ungemein, weil man die Taktik besser verstehen kann'', erklärt Kretsch.
Gefahrenquellen analysieren
Bis dato ist bei der diesjährigen Tour alles glimpflich abgelaufen. ''Am Beginn jeder Etappe studieren wir den Verlauf und gehen mit Streckenplaner Beat Zberg alle gefährlichen Passagen wie schmalen Durchfahrten oder Baustellen durch. Der anhaltende Regen sorgt für glatte Strassen und ist eine zusätzliche Gefahrenquelle. Bei Kurven vor dem Ziel stehen wir natürlich auch immer parat?, beschreibt Hammer.
''Wir beiden Rennärzte arbeiten Hand in Hand mit dem Krankentransport zusammen'', erklärt der Arzt. Setzt sich eine Gruppe vom Feld ab, teilen sich die beiden auf. ''Während vorne gekämpft wird, macht es hinten die Masse an Fahrern gefährlich'', beschreibt Kretsch. Ausserdem arbeiten die beiden Mediziner eng mit dem verantwortlichen Sicherheitsdienst zusammen.
Versorgung vom fahrenden Auto aus
Die Erstversorgung erfolgt meist aus dem fahrenden Auto heraus direkt am Sportler auf dem Rad. ''Währenddessen darf sich der Athlet am Fahrzeug festhalten, damit er keine Zeit verliert und den Anschluss ans Feld wieder findet'', so Hammer. Die Entscheidung, ob ein Fahrer das Rennen nach einem Zwischenfall fortsetzen darf, treffen ebenfalls die beiden Ärzte.
''Da kann es oft zu Stresssituationen kommen, denn die meisten wollen unbedingt weiterfahren'', beschreibt Kretsch. ''Man braucht sicher ein gewisses Rückgrat, um Entscheidungen zu fällen'', betont Hammer und meint weiter: ''Die Radfahrer sind wirklich knallhart. Sie fahren Etappen oder sogar Rundfahrten mit gebrochenem Schlüsselbein zu Ende. Ich denke, das liegt an der Natur der Sportart. Es braucht ein hohes Trainingspensum, hohe Motivation und Ehrgeiz auf diesem Niveau. Radfahrer sind ganz sicher leidensfähiger als andere Sportler', betont Hammer.
Täglich bis zu zwölf Patienten
Aber nicht nur für die Radprofis, auch für die Betreuer und das gesamte Tour de Suisse Personal ? vom Polizisten bis zum VIP-Gast stehen die Ärzte zur Verfügung. ''Wir bieten einen 24-Stunden-Dienst und haben täglich sechs bis zwölf Patienten'', berichtet Kretsch und greift nach seinem Mobiltelefon. Der nächste Einsatz wartet.
Von Angelika Kaufmann-Pauger