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22.05.2019

Etappensieger-Interview mit Arnaud Démare

Der französische Sprinter (Groupama-FDJ) triumphierte in Bellinzona (8. Etappe) im Trikot des französischen Landesmeister.

Tour de Suisse: Kannst du dich an deinen Sieg bei der 8. Etappe der Tour de Suisse 2018 in Bellinzona erinnern?
Arnaud Démare: Natürlich. Ich vergesse einen Sieg nie; für mich sind alle Siege wichtig. Aber die Siege in Rennen auf so hohem Niveau mit so viel Anstiegen sind immer etwas Besonderes. Diesen Sieg habe ich zudem nach einer langen Durststrecke ohne Siege errungen. Er hat mir also auch mental sehr geholfen. Ausserdem war einige Wochen vor der Tour de France auch absolut entscheidend. Es war zudem einer meiner letzten Auftritte im Trikot des französischen Meisters, denn ich wusste, dass das Meisterschaftsrennen 2018 mir keinen neuen Sieg bescheren würde.

TdS: Die 8. Etappe in Bellinzona war nach einem Rundkurs die einzige Massenankunft bei der Tour de Suisse 2018. Ist da der Sieg im Massensprint für einen Sprinter wie dich nicht ganz besonders schön?
AD: Ja, natürlich. Als Fahrer bevorzuge ich Zieleinfahrten, die ein bisschen schwierig sind, oder solche in kleinen Gruppen. Das ist besser als die Massensprints auf einer Linie, bei denen man sich festbeissen muss, komme, was wolle. Ich habe Gaviria und Sagan geschlagen, das tut richtig gut. 

TdS: Was macht einen guten Sprinter aus?
AD: Das ist schwer zu beantworten. Vielleicht deshalb, weil ich gar nicht sagen kann, wer ein guter Sprinter ist und wer nicht (lacht).
Wenn du heute als Sprinter im Peloton mitfahren willst, sind, glaube ich, die Konzentration und das Mentale wichtig, also das Ausdauervermögen im Kopf. Vor allem wenn man die Klassiker fahren mag, wie ich, dann greifst du oft erst nach fünf oder sechs Stunden an. Dann musst du konzentriert bleiben, gut aufgestellt und aufmerksam sein. Du musst dich fünf Stunden lang zurückhalten, um dann in den vier Minuten, die ein Sprinter hat, dein Hirn einzuschalten und in dieser kurzen Zeit alles zu geben. Das sagt sich so einfach, ist es aber nicht. Manchmal hast du in der Mitte des Rennens das Gefühl, dass du den Anschluss verloren hast, dass du abgehängt worden bist. Und doch muss dein Gehirn eine wahnsinnige Arbeit leisten, um wieder ranzukommen, deinen Platz wieder zu erobern und im Finale dabei zu sein. Man hat ja meistens ein ganzes Team hinter sich.
Das macht vielleicht auch einen guten Sprinter aus: sein Team. Vielleicht ist das für einen Sprinter noch wichtiger als für einen Bergfahrer. Wir brauchen gute Teamkollegen, die uns wieder an unseren Platz bringen und uns helfen, den ganzen Tag lang wach zu bleiben. Wir brauchen einen exzellent funktionierenden Zug, der uns perfekt in die letzten Meter des Rennens bringt. Ganz entscheidend ist auch das Debriefing, das Gespräch nach dem Rennen, wo wir über die nächste oder die übernächste Etappe reden. An dieser Stelle muss ich einfach mal sagen, dass ich wohl einen der besten Sprintzüge habe. Die Fahrer um mich herum sind mir extrem wichtig.

TdS: Fällt es dir manchmal schwer, bei einem Rennen über so viele Stunden deine Konzentration aufrecht zu erhalten und alle Energie zu mobilisieren? Für dein Rennen sind doch eigentlich nur die letzten Kilometer entscheidend.
AD: Nein, so ist das nicht. Ich glaube, das ist einer meiner grössten Trümpfe. Wie schon gesagt, liebe ich solche Rennen und den Kampf um das Stehvermögen. Ich denke, dass ich das ganz gut beherrsche, und deshalb habe ich wohl auch Mailand–Sanremo gewonnen. Wenn du am Ende eines Rennens richtig eingreifen willst, dann musst du vorher fünf Stunden lang aufmerksam sein können. Das ist für das Rennen eines Sprinters ausschlaggebend.

TdS: Wie wichtig ist dein Team für dich und deinen Sprintstil?
AD: Mein Team ist für alles, was ich gesagt habe, sehr, sehr wichtig für mich. Ich weiss nicht, ob das bei allen Sprintern so ist. Aber ich glaube, das hängt auch mit meiner Persönlichkeit zusammen. Ich gehe mit meinen Teamkollegen um wie im echten Leben: Ich bin ein familiärer Mensch, ich brauche Vertrauenspersonen, mit denen ich alles teilen kann. Meine Teammitglieder sind für mich keine Kollegen, sondern meine Freunde, an die ich glaube, denen ich vieles anvertraue, die mir vieles anvertrauen und mit denen ich alles besprechen kann. Wenn der Sprint nicht gut gelaufen ist, wenn sie nicht da waren, wo ich sie erwartet hatte, oder wenn ich meine Aufgabe nicht erfüllt habe, dann sprechen wir darüber. Das ist ganz wichtig, damit wir uns in schwierigeren Situationen motivieren können.
Und genauso funktioniert das auch mit der ganzen Equipe um mich herum. Ich mag es, in guter und familiärer Stimmung zu arbeiten. Das ist ganz wichtig für mich. 

TdS: Du hast in Bellinzona in den Farben Frankreichs gewonnen. Das muss doch ein einzigartiges Gefühl sein.
AD: Ja. Alle Rennen, die ich in Blau-Weiss-Rot gewinnen konnte, haben einen besonderen Wert für mich. Weil das Publikum auf uns vertraut, weil wir für die Menschen etwas darstellen. Das gilt natürlich im Besonderen für Frankreich. Es ist ein zusätzlicher Druck, macht aber auch stolz. Ich empfinde ein besonderes Glück, wenn ich die Arme zum Sieg erhebe. Ausserdem ist dieses Trikot bei Groupama-FDJ heilig. Marc Madiot, unser Teammanager, hat Sponsoren gewinnen können, die nicht auf Werbung auf diesem Trikot bestehen. Das Trikot ist komplett frei von Sponsorenwerbung – eine richtige Flagge. Und wenn man dieses Trikot trägt, dann darf man noch weniger Fehler machen; man muss sich als würdig erweisen. Als ich im letzten Jahr in der Schweiz gewonnen habe, wusste ich, dass dies mein letztes Rennen in diesem Trikot sein würde (zumindest im letzten Jahr). Das war für mich wie eine letzte Ehre. 

TdS: Mit Mailand–Sanremo hast du als ziemlich junger Fahrer eines der «Monumente des Radsports» gewonnen. War damit der Druck grösser, zu Hause bei der Tour de France gewinnen zu müssen?
AD: Auf jeden Fall brauchte ich den Sieg bei Mailand–Sanremo, um Druck für die Tour aufzubauen. Die Tour de France ist schon allein eine Hochdruckmaschine (lacht). Aber es stimmt schon. Mit dem Sieg bei diesem Monument des Radsports bin ich in die Kategorie der Fahrer aufgestiegen, die in der Lage sein müssen, die grossen Rundfahrten zu gewinnen. Ich möchte auch in Zukunft beweisen, dass ich das Rennen nicht zufällig gewonnen habe und ich diese Leistung regelmässig abrufen kann. Und ausserdem möchte man als Franzose immer die Tour de France gewinnen. Bei diesem Rennen haben wir das Publikum immer hinter uns, vor allem bei einem Sieg. 

TdS: Nach der Tour de Suisse hast du im letzten Jahr auch Siege bei der Tour de France erzielt, drei Podiumsplätze und einen Etappensieg in Pau. War also die Tour de Suisse so etwas wie ein motivierender Startschuss für dich?
AD: Auf jeden Fall. Die Tour de Suisse ist immer eine gute Vorbereitung auf die Tour de France, weil man weiss, dass die Strecke sehr vielseitig und anspruchsvoll ist. Es gibt viele Berge und andere schwierige Gelände. Damit ist man bestens für die Tour vorbereitet. Dank des hohen Niveaus beim Rennen kann man sich mit anderen messen und dem Gegner wenige Wochen vor der Tour de France schon einmal zeigen, wo der Hammer hängt. Ein Fahrer, der die Tour de Suisse gut meistert, ist auch bei der Tour de France gut, das ist logisch. Und wie ich eben schon erwähnt habe, brauchte ich neben der Vorbereitung der Beine auch einen Prestigesieg, um bei der Tour nicht mit leeren Händen anzutreten. Daher war die Tour de Suisse 2018 nicht nur für die Beine, sondern auch für den Kopf wichtig. 

TdS: André Greipel hat uns im letzten Sommer gestanden, dass er vor den Schweizer Bergen besonderen Respekt hat. Wie hast du die Bergetappen bei der Tour de Suisse gemeistert?
AD: Natürlich sind die Berge nicht unser Lieblingsgelände, und für die leichtgewichtigen Sprinter sind die Strecken der Tour de Suisse nie wirklich lustig. (Lacht.)
Aber ich habe mich schon vorher gut vorbereitet. Ich habe im Mai ein Trainingslager auf Gran Canaria absolviert, um zusammen mit meinen Teamkollegen Berge zu trainieren. Das hat mir sehr geholfen. Vor allem bei der Tour de France hatte ich deshalb weniger Probleme in den Bergen. Und einige Wochen vor der Tour de Suisse habe ich noch ein Bergtraining in Benicàssim absolviert. Beim Rennen 2018 gab es, wenn ich mich recht erinnere, auch nur eine Bergankunft. Die anderen Etappen waren dann eher für die Puncher gedacht.

TdS: Wie sehen deine Pläne für die Saison 2019 aus?
AD: In diesem Jahr bin ich nicht bei der Tour de France dabei, sondern freue mich auf die Strecken in Italien und auf den Giro, bei dem ich noch nie eine Etappe gewonnen habe. Ich habe zwar vor einigen Jahren schon einmal teilgenommen, aber in diesem Jahr fühle ich mich fit genug, um meiner Erfolgsbilanz eine italienische Etappe hinzuzufügen. Was danach kommt, weiss ich noch nicht genau. Das hängt vom Giro d’Italia und meiner Form ab, davon, wie es mir geht und wie das Ergebnis sein wird.
Auf jeden Fall nehme ich nach dem Giro an der französischen Meisterschaft teil, das ist sicher. 

TdS: Von welchen Erfolgen träumst du, welchen Sieg möchtest du unbedingt noch erringen?
AD: Ich glaube, es erstaunt niemanden, dass ich gern Paris–Roubaix gewinnen möchte. Aber dieses Rennen ist so unvorhersehbar. Man weiss nie, welche Überraschungen es bereithält. Aber wenn ich einen Sieg wirklich gern hätte, dann diesen. Das Rennen ist ganz besonders, vor allem, weil es ein Heimspiel für mich ist. Ein Fahrer, der Paris–Roubaix gewinnt, ist selbst ein Monument. 

TdS: Danke, Arnaud, wir wünschen dir eine erfolgreiche Saison!
AD: Vielen Dank.

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