Winterserie 4/4 – Fragen an die UCI zum Technischen-Doping

Was ist mechanisches Doping, und wie kann gegen technologischen Betrug vorgegangen werden? Wir sprachen mit dem früheren Renn-Fahrer und UCI Leiter der Abteilung „Technik und Kampf gegen technologischen Betrug“ Jean-Christophe Péraud.

Tour de Suisse:Was versteht man in der Regel unter «mechanischem Doping», und welche Techniken sind bekannt?
Jean-Christophe Péraud: Beim technologischen Betrug wird eine äussere Hilfe angebracht, die den Fahrer antreibt.Bei dieser Art des Betrugs handelt es sich im Allgemeinen um einen Hilfsmotor, der den Fahrer beim Pedalen unterstützt.

TdS:In den sozialen Medien gibt es immer wieder Auszüge von Videos, in denen Radfahrer gefallen sind und sich ihr Hinterrad wie magisch weiterdreht. Könnte es sich dabei wirklich um Fälle von «mechanischem Doping» handeln?
UCI:Naturgemäss soll sich ein Rad ja drehen. Normalerweise lassen sich diese Bilder mit der Trägheitskraft erklären. Wir müssen jedoch wachsam bleiben und dafür sorgen, dass unser Sport fair bleibt. 

TdS:Welche Massnahmen hat die UCI im Allgemeinen gegen das «mechanischem Doping» ergriffen?
UCI:Seit 2018 nutzten wir Röntgentechnologie. Dieses Verfahren wurde zusätzlich zum 2016 eingeführten Magnetometer gewählt. So können wir die Leistung überprüfen und unter anderem die Sieger kontrollieren. Das Prinzip bleibt dasselbe wie bei den Dopingkontrollen. Wir wollen das Image der Athleten und unseres Sports schützen.
Ausserdem haben wir eine magnetische Tracking-Technologie geplant, damit alle Fahrräder während des ganzen Rennens kontrolliert werden können. Wir hoffen, dass wir mit dieser Technologie, die bald in die Phase der Prototypenentwicklung kommt, die Zweifel bezüglich unseres Sports endgültig ausräumen können.

TdS:Wie führt die UCI die Tests bei Rennen der WorldTour wie zum Beispiel der Tour de Suisse durch?
UCI:Bei den Rennen der WorldTour verwenden wir derzeit zwei Arten von Technologien: Die bereits erwähnte Röntgen-Lösung, um für sichere Ergebnisse zu sorgen, aber auch Magnetresonanz-Untersuchungen per Tablet, um so umfassend wie möglich zu kontrollieren. Mit dieser Technologie können die meisten Fahrräder im Rennen beim Start kontrolliert werden.

TdS:Welche technischen Manipulationen kann man mit diesen Tests erkennen?
UCI:Die Röntgenstrahlen können jedes Element erkennen, das sich im Inneren der Fahrräder befindet. Die Magnetresonanz ermöglicht die Überprüfung von ferromagnetischen Elementen. Die meisten Elektromotoren sind ferromagnetisch und können somit erkannt werden. Die geplante magnetische Tracking-Technologie kann einen Motor ungeachtet seiner Technologie aufspüren.

TdS: Wie viele und welche Fahrräder werden getestet?
UCI:Wenn ein Röntgenapparat vorhanden ist, werden das Fahrrad oder die Fahrräder des Siegers getestet. Dieser Kontrolle werden die Fahrer auch zufällig unterzogen. Im Allgemein kontrollieren wir etwa zehn Fahrräder mit dieser Technologie. Unser eigentliches Ziel ist dabei stets, dass der Sieger glaubwürdig ist. Mit der magnetischen Tablet-Technologie können wir zu Beginn des Rennens über 200 Fahrräder kontrollieren. Bei der Tour de France haben wir 2852 Kontrollen mit dem Magnetometer und 164 Röntgen-Kontrollen durchgeführt. Siehe Pressemitteilung.

TdS: Wann werden die Rennräder getestet?
UCI:Der Magnetometer wird manchmal am Start und manchmal im Ziel eingesetzt, während die Röntgenstrahlen ausschliesslich im Ziel verwendet werden.

TdS:Wie kann die UCI sicherstellen, dass es sich bei den getesteten Fahrrädern auch um diejenigen handelt, die die Radfahrer während des Rennens gefahren haben? Dass sie also nicht ausgetauscht wurden?
UCI:Der Kommissär für den Videobeweis, der 2018 eingeführt wurde, und alle Kommissäre im Rennen haben das ganze Spitzenfeld im Blick. Dabei wird der verdächtige Austausch von Fahrrädern besonders überwacht. Verdächtiges Material kann gekennzeichnet werden, damit im Ziel eine Kontrolle durchgeführt werden kann.  

TdS:Welche Sanktionen können bei Verstössen verhängt werden?
UCI:Folgende Artikel des UCI-Reglementsbetreffen den technologischen Betrug:  

1.3.010
Wer sich einer Materialkontrolle entzieht, diese nicht zulässt oder die Arbeit des Kommissärs oder einer anderen zuständigen Stelle, die eine Kontrolle durchführt, behindert, wird wie folgt bestraft: Fahrer oder andere Teammitglieder: Suspendierung von einem Monat bis zu einem Jahr und/oder eine Busse zwischen CHF 1’000 und CHF 100’000. (…)

12.1.013 a
Ein technologischer Betrug ist eine Zuwiderhandlung gegen Artikel 1.3.010. a (…)Das Vorhandensein eines Fahrrads, das nicht den Bestimmungen von Artikel 1.3.010 im Rahmen oder am Rande eines Radsportereignisses entspricht, stellt einen technologischen Betrug seitens des Fahrers und des Teams oder jeder anderen von einem Fahrer vertretenen Einheit dar, unabhängig davon, ob das Fahrrad während des Wettbewerbs genutzt wurde oder nicht.
Der betreffende Fahrer wird wie folgt bestraft: Disqualifikation, Suspendierung von mindestens sechs Monaten und eine Busse zwischen CHF 20’000 und CHF 200’000.
Ausser in Ausnahmefällen wird das Team des Fahrers oder jede andere vom Fahrer vertretene Einheit wie folgt bestraft: Disqualifikation, Suspendierung von mindestens sechs Monaten und /oder eine Busse zwischen CHF 100’000 und CHF 1’000’000.
Ausserdem wird jede Handlung oder Unterlassung einer Person oder einer Einheit, die dem UCI-Reglement unterliegt, die einen technologischen Betrug zulässt, zu diesem anstiftet oder diesen erleichtert, diesen verschleiert oder absichtlich in irgendeiner anderen Weise die Kommission bei einem technologischen Betrug unterstützt, mit einer Suspendierung von mindestens sechs Monaten und einer Busse zwischen CHF 5’000 und CHF 200’000 bestraft.
In Ausnahmefällen können die Beträge der verhängten Bussen von den oben angegebenen Grenzen abweichen. 

TdS:Gab es einen weiteren Fall von «mechanischem Doping» im Radsport der ans Tageslicht kam – ausser dem Fall der Radfahrerin bei der Cross-WM im U23-Rennen?
UCI:Es gab seit diesem Ereignis keinen bestätigten Fall mehr. Die Fälle, die durch die Medien gingen, wurden bei nationalen Ereignissen aufgedeckt, die nicht durch die UCI verwaltet werden. Dies zeigt, dass der Kampf auch die Wettbewerbe der unteren Ebenen einbeziehen muss. Deshalb überlegen wir uns, ob wir die nationalen Verbände mit einer technologisch und wirtschaftlich ausgereiften Methode ausstatten sollen. 

TdS:Wie haben die Fahrer und die Teams auf Ihre Tests reagiert?
UCI:Den Fahrern und den Teams ist bewusst, dass es darum geht, ihre Glaubwürdigkeit und den Ruf unseres Sports zu schützen. Deshalb sind sie kooperativ bezüglich der Strategie und der eingesetzten Mittel. 

TdS:Herzlichen Dank für die Ausführungen Jean-Christophe Péraud.